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13.09.2026

Solarkataster Bremen richtig lesen — und wo es systematisch danebenliegt

Enes Akkurt

Geschäftsführer energieautark GmbH

Das Solarkataster Bremen ist kostenlos, anonym und ohne Registrierung nutzbar — und es unterschätzt Dein Dach vermutlich. Eine Untersuchung der Hochschule Bremen hat 957 Dachflächen nachgemessen und festgestellt: Das Kataster gibt im Mittel 30,65 Prozent mehr Flächeneinschränkung an, als eine manuelle Prüfung ergibt. Wer die Werte liest, sollte sie als konservative Untergrenze behandeln, nicht als neutrale Schätzung.

Stand: 13. September 2026.

Es gibt zwei Kataster, nicht eines

Das wird regelmäßig verwechselt: Bremen und Bremerhaven betreiben getrennte Anwendungen mit unterschiedlichen Betreibern und unterschiedlichen Datengrundlagen. Ein einheitliches Landeskataster existiert nicht.

  • Stadt Bremen: solarkataster-bremen.de, betrieben von der Klimaschutzbehörde gemeinsam mit GeoInformation Bremen, online seit Januar 2020. Deckt nur die Stadtgemeinde Bremen ab.
  • Bremerhaven: solardach.bremerhaven.de, beauftragt von der Stadt Bremerhaven, inhaltlich verantwortlich ist die swb Vertrieb Bremerhaven.

Beide sind kostenlos, beide verlangen keine Registrierung, beide prüfen Photovoltaik und Solarthermie.

So gehst Du vor
  1. Kataster der richtigen Stadt aufrufen.
  2. Adresse in die Suche eingeben oder in der Karte auf Dein Grundstück zoomen.
  3. Zwischen Photovoltaik und Solarthermie wählen.
  4. Die eigene Dachfläche anklicken.
  5. Die Wirtschaftlichkeitsberechnung starten und die Voreinstellungen anpassen.

Du bekommst dann je nach Anwendung die nutzbare Modulfläche in Quadratmetern, den erwarteten Jahresertrag in Kilowattstunden, die mögliche CO2-Einsparung sowie eine Wirtschaftlichkeitsrechnung mit Anlagengröße, Investitionskosten, Amortisationsdauer, Eigenverbrauchsquote und Autarkiegrad.

Der Punkt, den fast niemand kennt: die Fläche wird zu klein angegeben

Im Januar 2025 hat die Hochschule Bremen, Fachbereich Umwelttechnik, im Rahmen des Projekts WärmewendeNordwest eine Überprüfung des Bremer Katasters veröffentlicht. Dafür wurden 957 Dachflächenpaare im Stadtteil Neu-Schwachhausen manuell nachgemessen und mit den Katasterwerten verglichen. Die Ergebnisse:

  • Die Abweichung zwischen Kataster und Handmessung ist statistisch signifikant (p kleiner 0,05).
  • Das Kataster gibt im Mittel eine Flächenreduktion von 22,38 Prozent an. Manuell ermittelt wurden 17,13 Prozent.
  • Die Differenz beträgt 5,25 Prozentpunkte — das Kataster schneidet damit 30,65 Prozent mehr Fläche weg als die manuelle Prüfung.
  • 62 der 957 Flächenpaare waren statistische Ausreißer.

Die Autoren benennen die Ursachen: fehlerhaft abgebildete Dachgeometrien, Balkone und Terrassen, die irrtümlich als Dachfläche erfasst werden, nicht berücksichtigte Dachaufbauten wie Gauben, Schornsteine und Dachfenster, sowie eine unzureichende Verschattungsberücksichtigung. Bei 79 Dächern waren zudem bereits installierte Anlagen nicht abgebildet.

Für Dich heißt das konkret: Wenn das Kataster Deinem Dach eine knappe Eignung bescheinigt, ist die Sache nicht entschieden. Sie ist ungeprüft.

Wie alt sind die Daten?

Das ist der zweite Grund zur Vorsicht. Das Bremer Kataster beruht auf einem laserscan-basierten Oberflächenmodell mit Datenstand 2021; die Befliegung liegt zeitlich davor. Bremerhaven nutzt Airborne-Laserscanning aus den Jahren 2013 und 2016.

Alles, was seitdem gebaut wurde, fehlt: neue Gauben, neue Dachfenster, ein Anbau des Nachbarn, ein gewachsener Baum. Genauso fehlt, was seitdem entfernt wurde — der gefällte Baum, der im Kataster noch Schatten wirft.

Welche Erträge in Bremen realistisch sind

Hier ist Vorsicht angebracht, weil im Netz viele Zahlen kursieren, die sich nicht belegen lassen. Was sich belegen lässt:

  • Das Fraunhofer ISE nennt für Deutschland eine mittlere horizontale Globalstrahlung von 1.102 Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr im Mittel der Jahre 2001 bis 2020, mit einer standortabhängigen Schwankung von plus/minus 10 Prozent.
  • Bremerhaven stuft Dächer ab einem spezifischen Ertrag von 650 Kilowattstunden je Kilowattpeak als geeignet ein. Das ist eine Mindestschwelle, kein Erwartungswert.
  • Ein reales Anlagenbeispiel aus dem Bremer Portal solar-in-bremen.de: 9,9 Kilowattpeak erzeugen 10.440 Kilowattstunden im Jahr, also rund 1.055 Kilowattstunden je Kilowattpeak. Das ist ein Einzelfall, kein Mittelwert.

Zur oft zitierten Aussage, im Norden gebe es 10 bis 20 Prozent weniger Ertrag als im Süden: Diese Zahl haben wir in keiner amtlichen Quelle belegt gefunden. Aus der Fraunhofer-Spanne von plus/minus 10 Prozent folgt rechnerisch ein Abstand von bis zu 20 Prozentpunkten zwischen dem strahlungsärmsten und dem sonnenreichsten Standort Deutschlands — das ist eine Ableitung, keine Messung für Bremen. Ein amtlicher Globalstrahlungswert speziell für Bremen war nicht zu beschaffen.

Die Solarpflicht in Bremen: was wirklich gilt

Das Bremische Solargesetz gilt für das gesamte Land, also für Bremen und Bremerhaven. Zwei Fälle sind zu unterscheiden:

Neubau, seit 1. Juli 2025: Photovoltaik auf mindestens 50 Prozent der Dachfläche. Maßgeblich ist der Eingang des Bauantrags.

Bestand, seit 1. Juli 2024: Die Pflicht wird durch eine grundlegende Dachsanierung ausgelöst. Als grundlegend gilt eine Maßnahme, bei der die Eindeckung, die Abdichtung oder die dämmende Schicht bei mindestens 80 Prozent der Dachfläche erneuert, erstmalig eingebaut oder durch eine zusätzliche Schicht ertüchtigt wird. Die Anlage muss dann innerhalb von zwei Jahren nach Abschluss der Sanierung installiert sein. Mindestanforderung im Bestand: 1 Kilowatt Modulleistung und 1.000 Voltampere Wechselrichterleistung.

Das ist 2026 praktisch relevant: Wer sein Dach im Lauf des Jahres 2024 saniert hat, läuft im Lauf des Jahres 2026 aus der Zweijahresfrist.

Ausgenommen sind unter anderem Neubauten unter 50 Quadratmetern und Bestandsdächer unter 25 Quadratmetern Dachfläche, Denkmalschutzfälle, Reetdächer sowie Dächer mit Ausrichtung zwischen Ostnordost und Westnordwest bei einer Neigung ab 20 Grad. Bei Bestandsgebäuden zählt auch mangelnde Tragfähigkeit. Eine Befreiung wegen unbilliger Härte ist auf Antrag möglich. Solarthermie wird angerechnet, erfüllt die Pflicht allein aber nicht.

So nutzt Du das Kataster sinnvoll

Das Kataster ist ein guter erster Filter und eine schlechte Entscheidungsgrundlage. Bremerhaven schreibt das selbst in die Berechnungsgrundlagen: Die Analyse biete eine erste Einschätzung und ersetze nicht die Prüfung der Machbarkeit vor Ort durch ein Fachunternehmen. Die Dachstatik wird ausdrücklich nicht geprüft.

Unsere Empfehlung in drei Sätzen: Nutze das Kataster, um eine Größenordnung zu bekommen. Behandle die Flächenangabe als Untergrenze, besonders wenn Dein Dach Gauben oder Dachfenster hat. Und lass vor Ort messen, bevor Du eine Zahl in einen Vertrag schreibst.

Kostenlose Anlaufstellen in Bremen
  • energiekonsens, die Klimaschutzagentur für Bremen und Bremerhaven, bietet kostenlose Solarberatung für Hauseigentümer und betreibt das Portal solar-in-bremen.de.
  • Klima Bau Zentrum in Bremen, Knochenhauerstraße 9, und in Bremerhaven, Theodor-Heuss-Platz 1–3 — kostenlose Orientierungsberatung, Eintritt frei.
  • Verbraucherzentrale Bremen mit Eignungs-Check Solar.
  • Bremer Förderlotse der Bremer Aufbau-Bank für Förderfragen rund um Modernisierung.
Häufige Fragen

Kostet das Solarkataster etwas?
Nein. Beide Kataster sind kostenlos, anonym und ohne Registrierung nutzbar.

Mein Dach ist laut Kataster nicht geeignet. Ist das Thema damit erledigt?
Nein. Angesichts der von der Hochschule Bremen nachgewiesenen systematischen Unterschätzung und eines Datenstands von 2021 lohnt bei einem knappen Ergebnis die Prüfung vor Ort.

Zeigt das Kataster, ob mein Dach die Anlage tragen kann?
Nein. Die Statik wird nicht geprüft. Das ist ausdrücklich Aufgabe des Fachbetriebs vor Ort.

Gilt die Solarpflicht auch, wenn ich nur die Dachziegel neu decken lasse?
Wenn dabei mindestens 80 Prozent der Dachfläche erneuert werden, ja. Dann greift die Zweijahresfrist.

Wie wir vorgehen

Wir gleichen die Katasterwerte mit einer Vor-Ort-Aufnahme ab — Dachaufbauten, tatsächliche Verschattung im Jahresverlauf, Sparrenabstände und Tragfähigkeit. Erst daraus wird eine belastbare Auslegung. Mehr dazu auf unserer Seite Photovoltaik Bremen oder direkt über das Kontaktformular.

Quellen
  • Schwarz, Gerling, Knies: Handlungsempfehlungen zum Solarkataster Bremen, Hochschule Bremen, Fachbereich Umwelttechnik, 29. Januar 2025, DOI 10.26092/elib/3460, Projekt WärmewendeNordwest
  • Freie Hansestadt Bremen, Die Senatorin für Umwelt, Klima und Wissenschaft: Bremisches Solargesetz, FAQ-Stand Dezember 2025
  • Stadt Bremerhaven, Berechnungsgrundlagen Photovoltaik und Solarthermie, solardach.bremerhaven.de
  • Fraunhofer ISE: Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland, Fassung vom 20. August 2026
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